Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

1. Was sind Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
Für werdende Mütter und zukünftige Väter zählt die Schwangerschaft zu der glücklichsten und aufregendsten Zeit im Leben. Natürlich wünschen sich die Eltern nichts mehr, als dass ihr Baby gesund und munter zur Welt kommt. Die Diagnose einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung oder unmittelbar nach der Geburt ist für die meisten Paare daher zunächst ein Schock, gefolgt von großer Sorge und Unsicherheit: Was bedeutet die Fehlbildung für unser Kind? Gibt es Therapiemöglichkeiten?

Modernste Medizintechnik und Behandlungskonzepte ermöglichen heute Ergebnisse, dank derer die Kinder ein normales und unbeschwertes Leben führen können. Bedingung dafür ist aber die rechtzeitige und fachgerechte Versorgung. Auch müssen sich die Eltern bewusst machen, dass zur endgültigen Behebung der Fehlbildung mehrere Operationen notwendig sein können und die gesamte Behandlung ein langwieriger Prozess sein kann. Auf den folgenden Seiten bieten wir Ihnen einen ersten Überblick über den aktuellen Wissensstand im Bereich Lippen-Kiefer- Gaumenspalten und die in unserer Klinik angewandten Therapieansätze. Für eine ausführliche Beratung und weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Vereinbaren Sie dafür einfach einen persönlichen Gesprächstermin in unserer Klinik.

2. Ursachen/Entstehung
In Deutschland kommt jedes 500ste Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte auf die Welt. Es handelt sich damit um eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen in unserem Land. Die genauen Ursachen dafür sind noch weitgehend unbekannt.

Wie bei vielen angeborenen Fehlbildungen geht man auch bei Lippen-Kiefer- Gaumenspalten von einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus. Als mögliche Auslöser gelten neben einer genetischen Veranlagung zum Beispiel Infektionen und die mangelnde Versorgung mit Nährstoffen und Vitaminen während der Schwangerschaft.

Spalten in Lippe oder Kiefer bilden sich zwischen der fünften und siebten, Gaumenspalten zwischen der neunten und elften Schwangerschaftswoche. In dieser Zeit entwickelt sich das Gesicht des Kindes, die Ober- und Unterkiefer sowie die Gaumenplatte wachsen von außen nach innen zusammen. Störungen in dieser sensiblen Phase können zu Wachstumshemmungen führen, mit der Folge, dass diese Bereiche unvollständig oder gar nicht zusammenwachsen.

Vorgeburtliche Diagnostik kann das Ausmaß der Spaltbildung bereits während der Schwangerschaft ermitteln. Dies ermöglicht es uns, den Eltern erste Behandlungsmöglichkeiten vorzustellen und sie schon vor der Geburt umfassend zu beraten und vorzubereiten.

3. Spaltformen
Abhängig von Art und Schwere der Störung sowie dem Zeitpunkt, zu dem sie auftritt, gibt es unterschiedliche Spaltformen:

  • Lippenspalten
  • Gaumenspalten
  • Lippen-Kiefer-Spalten und
  • Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

Die Spalten können ein- oder beidseitig und in unterschiedlich starken Ausprägungen auftreten. Bei Gaumenspalten unterscheidet man zusätzlich nach Spaltbildungen im harten und weichen Gaumen, im Bereich der Lippen nach unvollständigen und vollständigen Spalten. Unvollständige Lippenspalten enden an der Oberlippe, vollständige Lippenspalten reichen bis in den Naseneingang.

Eltern sollten sich bewusst sein, dass bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten keine Strukturen fehlen, sondern sie lediglich nicht zusammengewachsen sind. Auch bedeutet die Spaltbildung für das Kind keine Schmerzen, da es sich nicht um eine Wunde handelt.

4. Behandlung
Für jedes Kind entwickeln wir einen individuellen Behandlungsplan. Je nach Art und Breite der Spaltbildung kann ein einzeitiges oder mehrzeitiges Verfahren gewählt werden. Die hier beschriebenen Verfahren gelten als Überblick. Im Vordergrund der Behandlung steht die Korrektur der durch die Fehlbildung bedingten Funktionsstörungen. Betroffen sein können die Atmung, die Nahrungsaufnahme, das Hörvermögen, die Mimik und die Lautbildung. Selbstverständlich spielt der ästhetische Aspekt in unserem Behandlungskonzept ebenfalls eine große Rolle. Unser Ziel ist es, die äußerlichen Auffälligkeiten auf ein Minimum zu reduzieren.

Um eine optimale Versorgung zu gewährleisten, kooperieren wir mit Hals- Nasen- Ohrenärzten, Logopäden, Kieferorthopäden und Kinderärzten. Durch die enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Kollegen stellen wir eine sichere Versorgung über die Entlassung hinaus sicher. Dies gilt auch für Patienten, die nicht aus dem Einzugsgebiet unserer Klinik kommen.

Aufgrund der Fortschritte in der Anästhesietechnik ist es heute möglich, Kinder bereits kurz nach der Geburt ohne größeres Risiko zu operieren. In unserer Klinik behandeln wir Neugeborene mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten ab dem dritten Monat. Kinder wiegen in diesem Alter durchschnittlich 5 kg und vertragen somit die Narkose und die Eingriffe gut.

In enger Abstimmung mit den Eltern erarbeiten wir für jedes Kind einen individuellen Therapieplan. Besonders hinsichtlich des optimalen Zeitpunktes für die notwendigen Operationen gibt es unter Experten unterschiedliche Standpunkte. Deshalb stellen wir im folgenden kurz die Operationskonzepte unserer Klinik für die einzelnen Spaltenformen vor:

  • Lippenspalten
    Im Falle einer isolierten Lippenspalte ist gewöhnlich nicht mehr als eine Operation notwendig. Neben der Vereinigung der beiden spaltseitigen Lippenteile erfolgt hierbei auch die oftmals erforderliche Nasenkorrektur.
  • Gaumenspalten
    Alleinige Weichgaumenspalten bedürfen keiner Vorbehandlung, hier findet der Verschluss des weichen Gaumens im Alter von 3-4 Monaten statt, abhängig vom Entwicklungsstadium des Kindes. Für Kinder mit einer Spalte des harten und weichen Gaumens fertigen wir zunächst eine Trinkplatte an, die Nasen- und Mundraum trennt. Sie korrigiert die Zungenlage und erleichtert so die Nahrungsaufnahme sowie die Atmung des Kindes und steuert die Entwicklung des Oberkiefers. Betrifft die Spalte sowohl den harten als auch weichen Gaumen, wird letzterer zuerst ver- schlossen. Durch die frühe Operation im Alter von drei Monaten soll eine möglichst ungehinderte Sprachentwicklung des Kindes gewährleistet werden. Nach dem Eingriff ist das Tragen der Trinkplatte nicht mehr erforderlich. Der Verschluss des harten Gaumens erfolgt zwischen dem 8. und 16. Lebensmonat. Als Folge einer Gaumenspalte kann es zu einem Paukenerguss kommen. Um ein daraus resultierendes eingeschränktes Hörvermögen zu verhindern und Entzündungen vorzubeugen, wird dem Kind durch unsere HNO-Ärzte während der Narkose ein Belüftungsröhrchen (Paukenröhrchen) in das Trommelfell eingesetzt, falls der HNO-Arzt durch seine Mikroskop- Untersuchung einen Erguss feststellt.
  • Lippen-Kieferspalten
    Das Vorgehen richtet sich hier danach, wie breit die Kieferspalte ist. Schmale Spalten verschließen wir in nur einer Sitzung. Bei weit auseinander stehenden Kiefersegmenten erfolgt zunächst ein "provisorischer" Verschluss der Spalte. Hierbei wird die Lippe aneinander geheftet und die Knochenlücke nur an den Spalträndern aneinandergenäht. Die so entstehende Spannung sorgt dafür, dass die Kieferteile sanft zusammengezogen werden. Etwa zwei bis drei Monate später findet in einer zweiten Operation dann der endgültige Verschluss der Lippenspalte sowie der weichteilige Verschluss der Kieferspalte statt. Als Folge der Kieferspalte kann es zu einem Knochendefizit im Spaltenbereich (im bleibenden Gebiss) kommen, wodurch spaltnahe Zähne nur unzureichend Halt fänden. Um den fehlenden Knochen aufzufüllen, können im Alter von ca. 9 Jahren kleine Teile aus dem Beckenkamm in den Kiefer verpflanzt werden. Dieser Eingriff ist jedoch nicht immer notwendig. 4.) Lippen-Kiefer-Gaumenspalten Auch bei einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte fertigen wir zunächst eine individuell angepasste Trinkplatte für das Kind an. Drei Monate nach der Geburt erfolgt die erste Operation. Hier wird der weiche Gaumen und - wie bei einer Lippen- Kieferspalte zunächst "provisorisch" - die Lippe verschlossen. Etwa zwei bis drei Monate später findet dann der endgültige Verschluss der Lippen- und Kieferspalte statt. Die Behandlung des harten Gaumens im Alter von ca. 8-16 Monaten schließt die Grundversorgung der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte ab.

5. Logopädie
Logopädie bedeutet für uns nicht nur Therapie im klassischen Sinne, sondern in einem ganz besonderen Maß die frühe und gezielte Förderung unserer Spaltkinder. Dieses Konzept verfolgen wir in unserer Klinik schon seit sehr langer Zeit. Frühförderung heißt für uns, dass wir gemeinsam mit Ihnen Frühförderideen entwickeln und dadurch auch Ihre elterliche Kompetenz stärken. Wir stellen interdisziplinäre Kontakte her mit Therapeuten, die wohnortnah arbeiten und sich unserem gemeinsamen Ziel verpflichtet fühlen. Wir tauschen uns sowohl mit Ihnen, als auch mit den Therapeuten aus und entwickeln die gemeinsamen Ziele weiter. Grundlage unserer ganz besonderen Frühförderung ist der höchst komplexe und komplizierte Vorgang, der zum Erlernen von Lauten und Sprache führt. Wir wissen, dass die Beherrschung der Lautbildung und das Erlernen von Wörtern ganz erheblich von der Fähigkeit des Hörens, der gezielten und differenzierten Bewegung und des Fühlens abhängt. Auf dieser Basis versuchen wir mit Ihnen gemeinsam, Ihr Kind zu fördern und eventuell entstehende Entwicklungsverzögerungen möglichst schnell und möglichst effektiv auszugleichen. Eine gute Frühförderung ist das eine Ziel, das wir erreichen wollen. Die eventuell notwendige Therapie, um letztlich auch eine unkomplizierte Einschulung zu erreichen, ist das andere Ziel. Auch hierbei gilt, dass wir so früh wie möglich beginnen, eventuelle Fehlentwicklungen oder Störungen zu behandeln. Dies geschieht bei uns "interdisziplinär", das heißt im permanenten Zusammenspiel aller beteiligten medizinischen Fachrichtungen. Mit unserer logopädischen Spaltsprechstunde, die für jeden Patienten, unabhängig von der Operation, alle sechs Monate stattfindet, verstehen wir uns als koordinativ und initiativ tätige Therapeuten. Wir stellen die Kontakte mit wohnortnahen Kollegen her und bleiben mit diesen aber auch im Gespräch, um immer rechtzeitig das jeweils Notwendige und Richtige für Ihr Kind anstoßen zu können.

6. Finanzielle Unterstützung
Was viele Angehörige nicht wissen: Mit einem Antrag auf Schwerbehinderung besteht die Möglichkeit, die durch die Behandlungen entstehenden Kosten aufzufangen. Der Antrag ist beim zuständigen Versorgungsamt einzureichen. In der Regel dauert die Bearbeitung mehrere Wochen, weshalb der Antrag möglichst vor der ersten Operation eingereicht werden sollte. Fragen Sie dazu auch das örtliche Versorgungsamt in Ihrer Nähe.

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